Why a ravening wolf is a sheep's best friend

Research finds lethal wolf control backfires on livestock

Studie wiederlegt Sinnhaftigkeit von Wolfsjagd

Wölfe töten rächt sich

So und ähnlich geistern Überschriften durch die Presse, welche auf einer Studie der Washington State University beruhen, deren Grundlage und Inhalt offenbar vom überwiegenden Teil der Kommentatoren weder gelesen noch verstanden wurden.

Zugegeben ist  die Diskussion über dieses Thema hier in Deutschland ohnehin rein akademischer Natur. Angesichts des aktuellen Schutzstatus des Wolfes in DE und seinen Nachbarländern kann diese nur als vorsorgliche Argumentation derer verstanden werden, welche die Populationsdynamik und Ausbreitungsgeschwindigkeit des Wolfes in der hiesigen Population nicht erkennen wollen. Wann und in welcher Form diese Fragestellungen in Deutschland und den Nachbarländern zu beantworten sind, wird naturgemäß sehr unterschiedlich bewertet.

Wendet man sich dem Originaltext der Studie von Robert B. Wielgus und Kaylie A. Peebles

Effects of Wolf Mortality on Livestock Depredations

zu, so gibt diese Arbeit bezüglich ihres Ansatzes einige Rätsel auf. Zusätzlich sind der Zeitraum der Studie und der besonders herausgestellte Umfang über drei US-Bundesstaaten (Idaho, Montana und Wyoming) zu hinterfragen.  

Warum?

1.       Der angegebene Untersuchungszeitraum von 1987 bis 2012 ist dadurch gekennzeichnet, dass im Untersuchungsgebiet erst 1995 Wölfe in Idaho und im Yellowstone Nationalpark ausgesetzt wurden. Davor gab es nur in Montana einen marginalen und streng geschützten Bestand.

2.       Im Bundesstaat Idaho war ab 1996 in Sonderfällen die Erlegung einzelner Wölfe durch den Wildlife Service gestattet, wenn diese zu Schaden gingen oder wiederholt an Koppeln beobachtet wurden (10 j – rule), ab 2005 auch durch den betroffenen Viehhalter.

3.       Erst ab 2007 wurde der Wolf in Idaho regulär mit Quoten bejagt, um den Bestand konstant zu halten. Damit reduziert sich der relevante Zeitraum der Studie für diesen Bundesstaat auf 12 Jahre mit einer rapide wachsenden  unbejagten und 5 Jahre mit einer annähernd konstanten bejagten Population.

4.       Die Entnahmeraten durch die Jagd lagen bis 2012 durchgängig unter der Zuwachsrate der Wölfe. Erst 2012 wurden die Jagdquoten deutlich erhöht, um den Bestand zu reduzieren. Bis zu diesem Zeitpunkt musste die Anzahl der Rudel weiter wachsen.

5.      Im Abstract gehen die Verfasser davon aus, dass Mortalitätsraten von > 25 % beim Wolf nicht nachhaltig seien. Dem steht die weitere Fachliteratur entgegen. Zitat aus dem 1. Management-Plan für den Wolf in Idaho (2002): Established wolf populations can apparently withstand human-caused mortality of 28-50% without declining (Mech 1970, Ballard et al. 1997, Keith 1983, Fuller 1989, USFWS 1994).

6.   Sämtliche Tabellen und Grafiken umfassen jeweils den Gesamtzeitraum und die Gesamtfläche, ohne unterschiedliche Phasen von der Aussetzung bis zur Bejagung der Wölfe und regional völlig unterschiedliche Jagd- oder Schutzregelungen zu differenzieren. Die Quelldatei mit den Einzeldaten ist im Anhang der Arbeit verfügbar. Betrachtet man dort die Zahlen für den relevanten Zeitraum in Idaho (2007 – 12), widerlegt sich die Studie an dieser Stelle selbst.


7.       Der Schlusssatz der Einführung  unterstreicht, dass es sich hierbei ausschließlich um den Test einer Hypothese handelt. Zitat: In this paper we test the widely accepted, but untested, hypothesis that increased lethal control decreases wolf livestock depredations in a large scale (tri-state) long-term (25 year) quasi-experimental. The “remedial control” hypothesis predicts that livestock depredations will decrease following increased lethal control.

Frei übersetzt: In diesem Papier testen wir die weithin akzeptierte aber ungetestete Hypothese, dass erhöhte letale Kontrolle die Risse an Nutztieren verringert, großräumig (3 Bundesstaaten) langfristig (25 Jahre) quasi experimentell. Die Hypothese der „abhelfenden Kontrolle“ sagt voraus, dass Nutztierschäden infolge erhöhter letaler Kontrolle abnehmen werden.

Was aus dieser Arbeit in deutschen Artikeln daraus wird, liest sich teilweise spannend, hat aber wenig Bezug zur Realität. Offenbar hat man gerne die verkürzten Darstellungen amerikanischer Pressemeldungen zur dieser Arbeit als Bestätigung des eigenen (Wunsch)denkens übernommen. Es wird weder nach den statistischen Grundlagen der Studie noch nach der Logik getroffener Schlussfolgerungen gefragt. Es passt halt ins eigene Bild!

Richtig ist mit Sicherheit der Rückschluss der Verfasser, dass alleine die zufällige Entnahme einzelner Wölfe kaum einen günstigen Einfluss auf den Umfang der Nutztierschäden in einem Wolfsgebiet haben wird, solange diese nicht nachhaltig in den Bestand eingreift.

Lernen darf man aus der Studie, dass hier auf dem Weg der Übersetzung und über den großen Teich ein Vorgang á la „Stille Post“ entstanden ist, der gefühltes Wissen mit gerne angenommenen Belegen versieht. Die inzwischen vielfach genannte, aber selten im Original gelesene Quelle gibt es nicht her.

Die Diskussion über dieses Thema bezüglich des Wolfes zu führen, ist derzeit in Deutschland politisch nicht korrekt. Die entsprechende Diskussion über den Eingriff in Rotten- und Rudelstrukturen heimischer Schalenwildarten zu führen, wäre es auch nicht - nur aus eher umgekehrten Gründen.

 

FN/061214

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